Japan

Nach Wochen des süßen Nichtstuns auf "meiner" Insel in Thailand und beinahe am Ende meiner finanziellen Reserven, nichtsdestoweniger immer noch willens, mich irgendwo in Asien anzusiedeln, habe ich noch eine Idee, Arbeit zu finden - Japan. Wie ich so hörte, sollten die Chancen für Englisch - bzw. Deutschsprechende "Lehrer" dort gut sein. Dazu noch die Einladung eines Freundes aus Tokio, ich könnte einstweilen bei ihm wohnen - also nichts wie ab nach Bankok und rein in den Flieger! Am frühen Morgen um 6 sehe ich die weise Spitze des Fujiyama aus dem Flugzeug in der aufgehenden Sonne glänzen. Was für ein erhebender Anblick!
Ich bin gut untergebracht, lerne ein wenig Japanisch & habe viel Spass mit meinen Freunden in Tokio, die mir die Stadt vorstellen, Japanisch lehren & beibringen, wie man in einer der teuersten Städte der Welt mit ein paar Yen zurechtkommt. Tokio ist unglaublich, die schieren Menschenmassen, die sich tagein, tagaus durch die U-Bahnhöfen & Stadtzentren wie Shibuya oder Shinjuku drängen, und doch läuft alles scheinbar reibungslos. Die perfekte Maschinerie. Timing. Ausdrücke wie Chioto jikan ni (Just in time) wollten mir die Opel Manager vor Jahren schon mal beibringen.
Ich bastele Handzettel mit Werbung für Englisch Unterricht, die ich vor einer Universität verteile. Kein Erfolg, aber neue Bekanntschaften. Nach zwei Wochen, in denen ich keinen Yen verdient habe, beschließe ich weiterzureisen, etwas von Japan kennenzulernen.

Mit der S-Bahn fahre ich raus aus Tokio, um im strömenden Regen mit Rucksack den Takao-san zu erklimmen. Der Nebel hängt in den Wäldern, der Schweiss läuft mir in Strömen und trotz alledem geniesse ich den Aufstieg. Der Tempel selbst ist großartig, eben wie aus einer alten japanischen Zeit. Ich wandele auf den Pfaden von Musashi & den Zen Meistern und auch wenn ich von alledem nix verstehe so fühlt sich das Leben grossartig an in diesem Moment. Nach den Tagen in der Großstadt bin ich glücklich, wieder in der Natur unter freiem Himmel zu sein. Und das selbstgebackenen Brot vom Vorabend schmeckt richtig gut hier oben. Etwas später, wieder am Fusse des Takao angekommen kaufe ich mir ein Päckchen Zigaretten und trampe weiter in Richtung Kofu in den Japanischen Alpen, bleibe weiter in den Nähe vom Fujiyama. In Kofu angekommen teile ich mein letztes Brot mit Obdachlosen vor dem Bahnhof und bekomme auch gleich einen Schlafplatz von ihnen angeboten, im Bahnhof, nach 10 Uhr... In einer Bar lerne ich einen Nepalesen kennen, der mich für eine Nacht beherbergt. Wir schwatzen über Computer und japanische Mädels und wollen uns bald wiedertreffen.
In einem kleinen Dorf unweit von Kofu finde ich eine preiswerte Herberge, ein klassisches japanisches Haus mit Shojos, Tatamis, einem grossen Bambusstrauch am Eingang und einem Garten. Der Inhaber spricht fliessend Englisch & nebenbei auch Deutsch. Dazu spielt er Bach auf seinem Keybord & ließt deutsche Bücher im Orginal. Wir haben eine breite Basis für Gespräche =) Wir sehen den Fuji, praktisch gleich um die Ecke. Wir radeln nach Kofu & besuchen seine Freunde. Dumm nur, ich kann kein Geld abheben - weder in dem Dörfchen noch in Kofu. Dafür helfe ich im Garten und Küche. Ein Jobangebot bekam ich, zwei Stunden pro Tag in einem Kindergarten arbeiten, doch zweifelte zu sehr, ob den dass das Richtige ist. Also ziehe ich weiter, mit Sonnenschein & bester Dinge gen Kyoto.
Das Trampen klappt bestens, ich muß nirgendwo lange warten. Zuerst werde ich bis Shizuoka mitgenommen, pausiere im Park & wandere dann quer durch die Stadt zur Autobahnauffahrt gen Nagoya/Kyoto. Die Leute freuen sich, ich mich auch. Ein Paar im grossen Mercedes bringt mich fast bis Nagoya und erzählt mir noch so dies und jenes über japansche Bräuche. Ein Pflanzensamenhändler bringt mich einige Kilometer ins Hinterland von Nagoya, schon fast bis zur Sekigahara Ebene. Einen Tag lang fast nur Japanisch sprechen macht ziemlich müde, aber es ist noch hell & somit beschliesse ich, die letzte Etappe bis Kioto auch noch zu wagen. Es gelingt, ein gesetzter Herr, Kimonofabrikant seines Zeichens liest mich auf und nimmt mich mit bis zum Bahnhof in Kioto. Tags drauf verbringe ich einen verregneten Vormittag in der Bibliothek von Osaka, wo sich allerhand Obdachlose vor dem Wetter schützen. Haha, hier bin ich richtig! =)
Später ein ausgiebiger Stadtbummel, ein Kneipenbesuch und nach langer Abstinenz einen Rausch von drei Bieren... Die Nacht verbringe ich anfangs im Bahnhof, später aber dann doch im Freien und ab um 2 frühs bei Kaffee & guter Musik im Edel-Cafe Christo. Erleuchtung pur. Den Sonnenaufgang will ich am der Küste verbringen, treffe noch einen Musikanten mit seinen betrunkenen Freunden am Bahnhof, der zwei Saiten auf seiner Gitarre zerdrischt, als er mir seine Songs vorspielt. Wir singen und sind glücklich, Freitag früh um 6 in Osaka... Später spendiert mir ein anderer Japaner, der auf dem Rückweg von einer Nachtschicht ist noch ein Frühstück und Kaffee. Danach bin ich wieder fit, das Wetter passt auch und ich beschließe, mir das Schloß von Osaka anzusehen. Im Park vor dem Schloß viele blaue Zelte, die Behausungen der vielen Obdachlosen. Immerhin besser als die Orte in Tokyo, wo die Obdachlosen an den betonierten tristen Ufern des Sumida bzw. neben Bahnlinien schlafen... Man spürt förmlich die Depression in der einstmals so florierenden japanischen Wirtschaft. Schwamm drüber.

Ich nehme noch eine Militärübung der japanischen Armee ab und kontempliere über den Sinn von all dem Geschrei, über das "Zucht und Ordnung" Prinzip und bin fast soweit, das ich mitmachen will =). Nachdem ich den Hauptturm des Shoguns Hideyoshi (siehe Bild) besichtigt habe, brauche ich dann doch etwas Schlaf und finde eine etwas abgelegene, "gemütliche", sonnige Parkbank. Nach einiger Zeit bin ich wieder zurück unter den Lebenden, verweile noch etwas an dem kleine japanischen Teich unweit von meiner Ruhestätte. Zu schön, um wahr zu sein, diese Idylle & Harmonie. Und doch von Menschenhand geschaffen.
In Kioto komme ich für eine Weile bei einer guten Bekannten unter, die mir allerhand gute Tips bezüglich Kioto, seinen Möglichkeiten für Unterhaltung und Jobs gibt. So verbringe ich die Tage in der Stadt, bummle durch die kleinen Gassen, schaue mir diesen und jenen Tempel an oder bin im Goethe Zentrum in der Bibliothek bzw. im Internet. In einer Jugendherberge lerne ich allerhand Reisende aus Neuseeland, Auastralien und Amerika kennen, größtenteils Studenten, die mit Arbeitserlaubnis & guten Japanisch-Kenntnissen aufwarten können. Mit zweien gehe ich wandern, auf einen Berg hinter Gijon, dem ehemaligen Geisha-Viertel. Das Glück ist mir wohl nicht mehr hold, als ich mich bei einem weiteren Kindergarten bewerbe, und so beschliesse ich, zurück nach Tokio zu gehen, um wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben. Noch einmal in den Ausgang mit meinen Kumpanen aus der Herberge, erst Biere & dann Absinth. Sayonara Kioto.
Im Shinkansen geht es zurück nach Tokio. Noch ein paar weitere kleine Ausflüge, mal wieder trampend zur historischen Tempeln. Ein Bekannter lädt mich zu seiner Geburtstagsparty ein. Mit einer jungen Frau, mit der ich seit meiner Ankunft in Japan Emails schreibe, treffe ich mich am letzten Abend. Wir besuchen die Wolkenkratzer von Shinjuku, besuchen die "Sneak preview" von "Hulk" und gehen gut essen. Keine Arbeit, kein Geld - also fliege ich zurück ins Abendland. Mitnehmen kann ich die Erinnerungen an gute Freunde, die mir viel weitergeholfen haben. Arrigato. Matane. So omou imasu =)